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Datum: 11.10.2018

200 Jahre Universität Bonn: Nachlese der Jubiläumswoche in Koordination des ZERG Das neue „Wir“-Gefühl: Zum Beitrag der beiden Theologischen Fakultäten, des Alt-Katholischen Seminars und des Zentrums für Religion und Gesellschaft (ZERG) anlässlich des 200-jährigen Universitätsjubiläums 2018.

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Dass das Jahr 2018 für die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ein ganz bedeutsames sein würde, hat sich schon in langen Vorwehen abgezeichnet, schließlich gilt es, 200-jähriges Jubiläum zu begehen! Im Jahr 1818 (genauer am 18. Oktober) wurde die ehrwürdige Alma Mater vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. mit reichlich ornamentaler ‒ und wie man munkelt zunächst widerständiger ‒ Unterschrift unter der Stiftungsurkunde gegründet. Jenes berühmte Dokument, wo das „Wir“ im Pluralis Majestatis als erstes Wort zu lesen ist, kann heute im Universitätsmuseum bestaunt werden. Um den Pluralis Majestatis ist es dem Rektorat und dem Festkomitee aber sicherlich nicht gegangen, als dieses „Wir“ zum Motto und öffentlichkeitswirksamen Logo des Jubiläumsjahres gekürt wurde. Es soll eher – mit einem Blick auf die jubiläumseigene Homepage – die „Evolution eines Wir-Gefühls“ zeigen. Daran haben die Theologischen Fakultäten tatsächlich auch von erster Stunde an mitgewirkt.

Es ist ein wahrhaft bedeutsames Zeichen des protestantischen Preußenherrschers gewesen, im katholischen Rheinland eine Universität zu errichten, die von Beginn an zwei Theologische Fakultäten in gleichberechtigtem Nebeneinander vorsah. Dieser paritätische Gedanke, dem Geiste der Aufklärung verpflichtet, ist bis heute ein spürbares Grundprinzip des theologischen Austauschs an der Universität. Sicherlich hat es gedauert und sicherlich hat es auch einmal zwischen den Fakultäten, ja sogar innerkonfessionell (man erinnere nur an die Abspaltung der Alt-Katholiken) ordentlich gekracht, aber mit den Jahren konnten die Einrichtungen mehr und mehr in versöhnter Verschiedenheit friedlich und voll des produktiven Dialogs nebeneinander bestehen. Insofern findet man hier durchaus die Evolution eines Wir-Gefühls innerhalb der Universität, aber auch innerhalb einer konfessionell bunt gemischten Region und Gesellschaft vor.

   


Der Wunsch des Rektorats im Hinblick auf 2018 war insofern mehr als nachvollziehbar: Die Universität Bonn, alle Fakultäten und Zentren, sollten sich im ganzen Kalenderjahr in all ihrer fachlichen und personellen Vielfalt, in ihren mannigfaltigen Kompetenzen und in ihrer Bedeutung für Geschichte und Zukunft der Region präsentieren. Wie stellt man so ein komplexes Vorhaben nun strukturell am besten an? Entschieden wurde sich für folgendes Vorgehen:
Das Jubiläumsjahr wurde vom Planungsteam des Rektorats in vier Quartale aufgeteilt, die jeweils unter verschiedene Überschriften gestellt wurden. Darüber hinaus sollten diese Quartale von Woche zu Woche ganz unterschiedliche Themenschwerpunkte behandeln. Jede Fakultät und jeder Fachbereich waren somit dazu eingeladen, sich entsprechend einzubringen. Ausdrücklich erwünscht waren kreative und alternative Veranstaltungsformate, die für eine breitere Öffentlichkeit interessant sein könnten. Natürlich eine leichte Übung für performanceerprobte Theologen...

Tatsächlich sollte schon die erste Woche (22.01.-28.01.2018) des ersten Quartals „Geschichte der Universität und ihre Rolle in der Gesellschaft“ unter dem Motto „Religion“ stehen. Natürlich waren hier die Theologien gefordert, jenes prominente Segment des Jubeljahres zu gestalten. Weit über ein Jahr vorher fand sich ein motiviertes Planungsteam mit unterschiedlichen VertreterInnen aus der Evangelisch-Theologischen und der Katholisch-Theologischen Fakultät zusammen. Wenig später kam noch das Alt-Katholische Seminar hinzu. Da es klar war, dass die Koordination, Organisation und Kommunikation so vieler unterschiedlicher Abteilungen und Mitwirkenden eines gewissen Aufwandes bedarf, wurde das Zentrum für Religion und Gesellschaft (ZERG) für die Umsetzungen der Planungen angefragt. Eine gute Entscheidung, schließlich hat das ZERG zum einen langjährige Routine in der Veranstaltungsplanung, zum anderen ist es mit seiner thematischen und interdisziplinären Ausrichtung ebenfalls notwendiger Teil einer „Religionswoche“ an der Universität Bonn. So war schon allein die Struktur des Koordinationsteams ein Ausweis des vielfältigen theologischen und religiösen Forschens, Lebens und Wirkens an der Universität. Tatsächlich verlief die Zusammenarbeit überaus produktiv und harmonisch, die Treffen waren ein Vorbild in Sachen gelebter Ökumene. Es wurde angeregt diskutiert, Pläne wurden geschmiedet und wieder verworfen, Formate überlegt und Themen intensiv erörtert. Besonders anregend und erfreulich war auch der Einsatz der Studierendenschaft. Bei jeder Sitzung waren FachschaftsvertreterInnen der beiden Theologischen Fakultäten anwesend. Tatsächlich dienten die Planungstreffen nicht nur dem Austausch zwischen den Theologien, sondern auch dem zwischen Professorinnen und Professoren, Wissenschaftlichen MitarbeiterInnen, Verwaltungsangestellten und eben den Studierenden. Auch hier wurde ein „Wir-Gefühl“ gelebt, wir alle sind Universität, wir alle sind an diesem Ort Lehrende und Lernende.

 

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Am Ende der Planungen stand ein unglaublich vielfältiges und buntes Programm unter dem Titel: „Glauben – Denken – Leben. Theologie an der Universität Bonn in konfessioneller Verschiedenheit und ökumenischer Verbundenheit“. So vielgestaltig wie das universitäre Leben selbst sollte es sein. In den Veranstaltungen, so die Prämisse des Planungsteams, sollte sich jener schon genannte Gründungsgedanke der Universität Bonn widerspiegeln, nämlich die Etablierung einer paritätischen wissenschaftlichen Einrichtung im Geiste der Aufklärung, die mit dem gleichberechtigten Nebeneinander zweier Theologischer Fakultäten (und sogar eines Alt-Katholischen Seminars). Ein Raum, der frei von konfessionellen Engführungen ist und im Geiste gegenseitiger Wertschätzung ein Ort kritischen Fragens nach dem Kern des Christentums und dessen historischer Gestalt sein will. Die einzelnen Veranstaltungsabende wurden von dem Planungsteam unter verschiedene Schlagwörter gestellt, die dieses Selbstverständnis widerspiegeln sollten: „Pluralität“ – „Liberalität“ – „Kritik“ – „Interdisziplinarität“ – „Religion und Kultur“. Eine kongeniales, wenngleich höchst anspruchsvolles Vorhaben. Wie leicht hätten diese hehren Ziele in der Umsetzung sprichwörtlich in die Binsen gehen können. Ob uns die Umsetzung dieses Vorhabens gelungen ist, können letztlich nur die Zuschauer entscheiden. Aber lassen wir das Programm und die einzelnen Formate einmal kurz Revue passieren.
Der Auftakt am 22.01.18 wurde aus einer primär historischen Perspektive bestritten. Es ging in drei Kurzvorträgen aus evangelischer (Prof. Dr. Eberhard Hauschildt), katholischer (Prof. Dr. Gisela Muschiol) und alt-katholischer Perspektive (Prof. Dr. Andreas Krebs) um „200 Jahre theologische und religiöse Pluralität in der Universität Bonn“. Es war natürlich sehr spannend, die verschiedenen Vertreter der Theologien über die Geschichte ihrer Disziplin speziell an der Uni Bonn referieren zu hören. Das Schlagwort von der „Pluralität“ wurde in allen Facetten beleuchtet. Das öffentliche Interesse war insgesamt sehr erfreulich, das Ambiente des Festsaals angemessen und die Musik der JazzcomboBonn gab der Veranstaltung zudem einen beschwingten Akzent. Anschließend wurde zu einem kleinen Empfang im Senatssaal geladen, Rieck’s Schnittchen haben den Gästen wohl gemundet. Der würdige Beginn der Veranstaltungswoche.

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Schon etwas unkonventioneller ging es am nächsten Abend des 23.01.18 zu. In einer Debatte diskutierten Studierende beider Theologischer Fakultäten zum Thema „Welchen Beitrag die Theologie zu aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen“ leisten kann. Gezeigt werden sollte so unter anderem auch die Tradition des liberalen Diskurses zwischen und in den Theologien. Darum wurde die Veranstaltung auch mit „Liberalität: Kultur-, welt- und wissenschaftsoffene Theologie“ überschrieben. Zum einen war die Form der Debatte recht innovativ, zum anderen ist bemerkenswert, dass der Abend im Rahmen einer Lehrveranstaltung von Prof. Dr. Cornelia Richter (Ev.-Theol. Fak.) und Prof. Dr. Dr. Jochen Sautermeister (Kath.-Theol. Fak.), die das Format auch moderiert haben, erarbeitet wurde. Die Leistung der Studierenden über das gesamte Semester hinweg ist insofern sehr hervorzuheben.
Der 24.01.18 stand ganz im Zeichen der „Kritik.“ Wo haben Bonner Theologen Kritik an der Gesellschaft, an Politik oder gar an der Kirche geübt? Wo ist richtig etwas bewegt worden, wo hat man Farbe bekannt, Zivilcourage geübt und Flagge gezeigt? Diesen Fragen wurde an zwei Fallbeispielen in zwei – für die Universität ein höchst ungewöhnliches Format – Features nachgegangen. Unter dem Überthema „Wenn Theologie sich um Kopf und Kragen redet“ haben Prof. Dr. Gisela Muschiol (Kath.-Theol. Fak.) und Prof. Dr. Andreas Krebs (Alt-Kath. Sem.) im ersten Feature dem berühmten „Streit um die Unfehlbarkeit“ vorgenommen, der bekanntlich die Abspaltung der Alt-Katholiken zur Folge hatte. Im zweiten Teil hat sich Prof. Dr. Wolfram Kinzig (Ev.-Theol. Fak.) des prominenten Falls „Karl Barth und der Nationalsozialismus“ angenommen. Ein wahnsinnig informativer Abend mit einem fast vollen Festsaal. Aber auch die ästhetische Seite kam hier nicht zu kurz. Sorgten Power-Point-Präsentationen für visuelle Abwechslung, war auch hier wieder einmal das Mitwirken der Studierendenschaft gefragt. Lesefreudige Studierende beider theologischen Fakultäten lasen engagiert. Erwähnt werden sollte noch, dass diese im Vorfeld sogar ein umfassendes Rhetorik-Training mit dem Schauspieler Folker Banik erhielten. Die Gesamtinszenierung dieses ungewöhnlichen Formats war darum so aufwendig wie rundum gelungen.
„Interdisziplinarität“ konnte am 25.01.18 in Form einer Podiumsdiskussion und mit Diskutanten aus verschiedensten Disziplin geübt werden. Prof. Dr. Clemens Albrecht (Kultursoziologie), Prof. Dr. Karin Holm-Müller (Ressourcen- und Umweltökonomik), Prof. Dr. Volker Ladenthin (Bildungswissenschaften) diskutierten die These „Ethik ist überall“. Tatsächlich hat sich in diesem interdisziplinären Gespräch über die Moral in den Wissenschaften gezeigt, dass ethische Fragestellungen alle Wissenschaften irgendwie angehen. Moderiert und koordiniert wurde der spannende Diskurs von Prof. Dr. Günter Röhser (Ev.-Theol. Fak.). Prof. Dr. Dr. Jochen Sautermeister (Kath.-theol.Fak.) konnte als Moralethiker verschiedene Impulse geben.
Auf den Abend des 26.01.18 unter dem Schlagwort „Religion und Kultur“ haben wiederum Studierende der Philosophischen und beider Theologischen Fakultäten lange hingefiebert. Schließlich haben sie über das ganze Semester hinweg im ZERG-Theaterseminar unter der Anleitung der professionellen Regisseurin Christina Schelhas eine Theaterperformance zu „heiligen und unheiligen Gestalten aus 200 Jahren Bonner Universitätsgeschichte“ erarbeitet. Die Vorbereitungen für dieses praxisorientierte Seminar waren natürlich außerordentlich intensiv und fielen als Leiterin des Gesamtprojektes in meinen Arbeitsbereich. Schirmherren und wichtige Berater waren Prof. Dr. Albert Gerhards (Kath.-Theol.Fak.) und Prof. Dr. Jörg Seip (Kath.-Theol. Fak.). Unsere Aufgabe war es, Universitäts- und Fakultätengeschichte über Biographien zu erzählen. Wir haben viel in den Bibliotheken und im Universitätsarchiv recherchiert, dutzende Gespräche mir Professoren und Professorinnen und weiteren Experten geführt. Im Seminar haben wir uns den Persönlichkeiten wie Friedrich Nietzsche, Gottfried Kinkel, Ludwig van Beethoven, Joseph Ratzinger, Isa Vermehren über wissenschaftliche Recherche aber auch buchstäblich spielerisch im Improvisationstheater angenähert. Mit äußerstem Einsatz stand uns das Theater Bonn zur Seite, mit dem wir seit Jahren am ZERG eng kooperieren. Auch hier wurde das Theaterstück, das sogar als offizielle Premiere der letzten Spielzeit ausgewiesen wurde, unermüdlich mit Dramaturgie, Kostümen, Requisiten, Maske, Technik und natürlich Werbung unterstützt. Das Theaterstück „Als Nietzsche noch vor dem Regal stand“ konnte im rappelvollen Hörsaal I mit großem Erfolg Premiere feiern und wir sind heute noch sehr stolz auf diese Leistung. 

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(Fotos: Thilo Beu, Theater Bonn)


Haben wir am Theaterabend den Fokus auf Religion und darstellende Kunst gelegt, galt es am nächsten Tag (27.01.18) mit einer Vernissage der Künstlerin Susanne Krell zum Thema „materiell I immateriell“ sich mit dem Verhältnis von Religion und bildender Kunst auseinanderzusetzen. Die Frottagen, die die Künstlerin auf der ganzen Welt angefertigt hat, wiesen alle einen religiösen oder anderen gesellschaftlich relevanten Bezug auf. Für ein Grußwort konnten Prof. Dr. Albert Gerhards (Kath.-Theol. Fak.) und Dr. Gabriele Uelsberg (Direktorin des Rheinischen Landesmuseums Bonn) gewonnen werden. Ein kleiner Empfang mit angeregten Gesprächen im Beisein der Künstlerin rundete den Vormittag ab. Die Ausstellung war noch einige Monate im Flur der Katholisch-Theologischen Fakultät zu bewundern.
Einen wahrlich würdigen Abschluss des Themensegments „Religion und Kultur“ sowie der gesamten Festwoche bildete die musikalisch-theologische Collage des Oratoriums „Paulus“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy unter dem Titel „Mache dich auf, werde Licht“. Der Phoenixchor am Collegium Albertinum und Musiker des Collegium Musicum der Universität haben die unglaublich starke Wirkkraft der Musik im religiösen Kontext bewiesen. Auch das Ambiente der Schlosskirche – sie wiederum aus allen Nähten platzte ‒ gab natürlich einen entsprechend festlichen Rahmen für dieses Chorkonzert. Im Vorfeld geplant, geprobt und geschwitzt hat der musikalische Leiter der Veranstaltung, Kantor Thomas Höfling. Die musikalischen Beiträge wurden durch Texte aus dem Alten und Neuen Testament ergänzt, die von Prof. Dr. Ulrich Berges (Kath.-Theol. Fak.) sowie von Prof. Dr. Günter Röhser (Ev.-Theol. Fak.) ausgesucht und vorgetragen wurden.


Vielleicht ist durch diese Schlaglichter die übergeordnete Idee der Festwoche deutlich geworden, die wir im Planungsteam von Anfang an angestrebt haben: Universitäres Leben gelingt nur gemeinsam, gemeinsam mit den Studierenden, mit den Lehrenden, mit der Verwaltung, mit Partnern aus Kirche, Bildung und Stadt. Das gilt natürlich auch für das religiöse und theologische Leben an der Universität. Nur gemeinsam, in wertschätzendem Dialog und wissenschaftlichem Diskurs, nur mit den Grundüberzeugungen Pluralität – Liberalität – Kritik – Interdisziplinarität (die übrigens auch von Grund auf Werte akademischen Arbeitens sind), nur mit dem Bewusstsein für das fragile und produktive Spannungsfeld von Kunst und Religion können wir das bleiben, was wir zweifelsohne sind: Wichtig in unserer gesellschaftlichen und regionalen Wirkung, wichtig innerhalb des universitären Fächerkanons als anregendes Korrektiv und als Diskussionspartner. In der Festwoche konnte man durchaus die gewünschte Evolution eines „Wir-Gefühls“ spüren und wir sind als verschiedene Abteilungen deutlich zusammengerückt. Insofern waren all die Planungen – trotz auch mal stressigen Phasen und kleineren Krisen – anlässlich des Jubiläumsjahres doch sehr sinnvoll.
Ich möchte abschließend für meinen Teil sagen, dass mir die Arbeit an der Festwoche und die Zusammenarbeit mit den über 200 Mitwirkenden enorme Freude bereitet hat. Dafür möchte ich mich bei allen herzlich bedanken. Ich habe dort sehr viel lernen dürfen, was für meinen weiteren Lebensweg gewiss auch nützlich sein wird. Auch wenn ich die Universität zum Oktober hin verlassen werde wird mir dieser selige Ort des Lehrens und Lernens sowie akademischen Austauschs stets in bester Erinnerung bleiben.

Charlotte Loesch
ZERG-Geschäftsführung
Koordinatorin der theologischen Festwoche im Januar 2018.
 

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