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Datum: 21.11.2018

Religion wird von Menschen gemacht: Wer weiß, wie Religion „tickt“? Müssen in deutschen Amtsstuben Kruzifixe hängen? Lässt sich die Bereitschaft zur Gewalt aus dem eigenen Glauben heraus legitimieren? Wie zeitgemäß und wie bindend ist der ethisch-moralische Anspruch der Kirchen bei Fragen zur Pränatalmedizin oder zur Homosexualität? Fragen, die immer wieder kontrovers diskutiert werden – auch mit Verweis auf religiöse Überzeugungen. Doch wer weiß eigentlich, wie Religion „tickt“?

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Genau diese Frage stand jetzt im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion zum vierten Quartal des Jubiläumsjahres 2018 der Universität Bonn, das unter der Überschrift „Herausforderungen der Weltgesellschaft“ steht.

Unter der Moderation von Professor Dr. Wolfram Kinzig, Vorstandssprecher des Zentrums für Religion und Gesellschaft (ZERG), stellten im Bonner Universitätsforum Professor Dr. Ulrich Berges – Inhaber des Lehrstuhls für alttestamentliche Wissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät – und der Religionswissenschaftler Professor Dr. Adrian Hermann sowie der katholische Moraltheologe Professor Dr. theol. Dr. rer. soc. Jochen Sautermeister ihre Positionen vor und tauschten im Anschluss zum Teil diametral entgegengesetzte Ansichten über den Ursprung und die Funktionen der Religion in der heutigen Gesellschaft aus.

Am Beginn der Diskussionsrunde stand die Definition des französischen Soziologen und Ethnologen David Émile Durkheim, der 1917 in Paris die Religion als ein solidarisches System von Glaubensvorstellungen und Dingen beschrieb; bezogen auf das Sakrale, nicht das Profane. Für Berges dient dies bis heute als zeitgemäße und brauchbare Definition. „Es funktioniert in einer christlichen Kirche ebenso wie in einer Synagoge oder einer Moschee. Denn wir müssen die Außenpositionen anderer Religionen in unseren Diskurs unbedingt mit einbeziehen.“ Positionen wie die des protestantischen Theologen und Kirchenhistorikers Karl Gustav Adolf Harnack, dass allein das protestantische Christentum die Botschaft Jesu in seiner Reinheit wiederhergestellt habe, seien den Menschen von heute so jedenfalls nicht mehr zu vermitteln.

„Die zentrale Frage aller Religion“, so Berges, „ist die nach Gott.“ Sie werde von Christentum, dem Judentum und dem Islam auf zum Teil unterschiedliche Art und Weise beantwortet. Doch bei allen Differenzen mache eine gemeinsame Religion die sie ausübenden Gesellschaften kompakter, greifbarer, und dies auch über den Tod der einzelnen Mitglieder hinaus. „Das Metaphysische darin hat der Mensch für sich ausgebildet, und es muss ihm gut getan haben.“ So habe es schon Bestattungsriten gegeben, lange bevor sich um 1600 vor Christi Geburt erste jüdische Glaubensbewegungen formierten. Das spirituelle Bedürfnis des Menschen, über den Tod hinaus zu denken, sei somit älter als die Religionen selbst.

Doch während Berges in der Neurotheologie Michael Blumes und dessen Antworten auf die Frage „Wohnt Gott im Gehirn?“ durchaus reizvolle neue Denkmuster anerkennt, ist dies für Kinzig keine Option: „An eine evolutionäre Begründung der Religion glaube ich nicht“, erklärte er. Er zweifle daran, ob es so etwas wie ein generelles spirituelles Bedürfnis oder ein Gefühl für das Unendliche überhaupt gebe. „Das ist apologetisch und zudem schlecht erklärt.“ In welchem Maße ein Mensch über Religion nachdenke, aber nicht fromm sei, unterliege keinerlei moralischem Urteil.

Die Frage, wie tickt die Religion, ist für Sautermeister aber vor allem auch die Frage, wie diejenigen ticken, die religiös sind, und was diese Tatsache konkret für ihr Leben bedeutet. Was über das gesamtgesellschaftliche Wertesystem hinaus auch individuell beantwortet wird. „Religion wird von Menschen geäußert. Und eben ihre Äußerungen sind eingebettet in einen sozialen und biografischen Zusammenhang. Wir Moraltheologen fragen deshalb auch ganz praktisch, welche Funktion Religion für die psychische Gesundheit haben kann.“ Wobei es ebenso auch eine nichtfunktionelle Bedeutung, einen Selbstzweck der Religion in sich geben müsse.

„An Definitionen, was Religion ist, fehlt es ganz sicher nicht“, erklärte Hermann. „Dabei besteht ein wesentlicher Unterschied darin, ob man sie wie die Theologen von innen oder wie wir Religionswissenschaftler von außen im geschichtlichen Kontext betrachten.“ In unseren modernen Gesellschaften sei Religion optional geworden. „Ich sehe eine Aufgabe der Gesellschaft darin, religiöse `Verrücktheiten´ einzuhegen. Und am besten geht das in einer offenen historischen Betrachtung.“ Nicht dogmatisch, sondern kritisch und zeitgemäß.

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