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Prof. Dr. Wolf Dombrowsky

Dombrowsky, Kinzig und Müller

Mittwoch, 29. April 2009
19:30 - 21:00 Uhr
HS 2, Hauptgebäude der Universität Bonn

Thema:
Katastrophen – Menschenwerk als Gottestat. Exkulpierungsmythos der Moderne

Wie so oft verdirbt die tägliche Überdosis das Maß und die Dosierbarkeit. Wo alles Katastrophe wird, ist nichts mehr schlimm. „Katastrophe“ ist nur noch Chiffre, Inszenierungskürzel, Stimulus. Doch war je mehr dahinter? Tatsächlich barg der Katastrophenbegriff auch ganz andere, weit über die Stilisierung individueller Schicksalsschläge hinausgehende Bedeutungstraditionen. Dieses Katastrophenverständnis war eingebettet in Religion. Gott drohte den sündigen Menschen Strafe an; sie vernichteten die Ungerechten und bewahrten die Gerechten.
Eine ganz andere, nicht-apokalyptische Tradition verbirgt sich dagegen hinter dem Begriff “Desaster”. Das “des astro”, der “Unstern”, rekurriert zwar auch auf das von Göttern Geschickte, also auf ein vorgezeichnetes, an und in den Sternen ablesbares Schicksal, doch war diese Konzeption von jeher weicher, interpretationsfähiger, offener für Listen und Ranküne, Handel und Händel.
Das Erdbeben von Lissabon 1755 brach der weltanschaulichen Perspektive der Aufklärung Bahn. Ihr ging das Verständnis voraus, dass Gott, wenn überhaupt, nur noch eine Ursache unter vielen ist und der Mensch sein Schicksal selbst bestimmen will, kann und muss. Sofern der Mensch Schöpfer seiner Verhältnisse sein wollte, musste er das Schöpfen wagen, auch wenn er es noch nicht konnte. Dort, wo er erfolgreich wagte, bewies der Erfolg die Richtigkeit seiner Weltanschauung und damit die Überlegenheit über die alten Klassen, die als unproduktiv und schmarotzend gebrandmarkt wurden. Doch wehe, er scheiterte. Dann bewies jeder Misserfolg das Gegenteil: die Lebensbedingungen nicht zu durchschauen und nicht zu beherrschen, folglich Gott zu lästern und deswegen bestraft werden zu müssen.
So gesehen sind Katastrophen die ungeplanten und ungewollten Ergebnisse anthropogener oder anthropogen beeinflusster Prozesse, die noch nicht hinreichend unter Kontrolle waren. Katastrophen sind somit, jenseits von allem Leid und aller materiellen Schädigung, eben auch Hinweise auf Lösungsmängel. Sie sind irrationale Notausgänge, Überdruckventile gleichsam, für nicht bearbeiteten Problem- wie Lösungsstau.

Vortragender:
Prof. Dr. Wolf Dombrowsky ist Direktor der einzigen Katastrophenforschungsstelle in Deutschland an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Wolf Dombrowsky gehört zum Beirat des Deutschen Feuerwehrverbandes, zum deutschen Task Force Komitee Erdbeben (Potsdam), zum Ausschuss Notfallplanung der Strahlenschutzkommission sowie zur Schutzkommission beim Bundesminister des Innern.

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